Interview durch die XING Plattform Ort, Mensch und Bewusstsein
- Marc Häberlin, jemand der mit 32 Jahren bereits erfolgreich ist und sein Unternehmen verkauft, um durch die Welt zu reisen und in Asien neue Perspektiven findet, kann man getrost als „Aussteiger“ bezeichnen. Magst du uns berichten, was diesen Wandel in deinem Leben auslöste?
- Ich wurde sehr traditionell erzogen und mit intellektuellen wissenschaftlichen Sichtweisen geprägt. Mein Ausstieg aus dem Zürcher Wirtschaftsleben war sicherlich darin begründet, dass ich auf der Suche war. In Asien wurden mir konträre Sichtweisen aufgezeigt, die mein einseitig materielles Weltbild in sich zusammenfallen liessen. Dies war der Auslöser, mein Leben der asiatischen Philosophie zu widmen, um eine ganzheitliche Weltanschauung zu studieren. - Was ist dein Lebensmotto?
- Die Eigenreflektion als Voraussetzung für spirituelles Wachstum. - Du beschäftigst dich stark mit der chinesischen Astrologie und dem I Ging. Welche Methode steht dir am nächsten und warum?
- Zur Zeit ganz klar das I Ging. Es stellt das zentrale Fundament aller asiatischen Sichtweisen dar. Das universelle Lebensgesetz der Polarität bildet den Kern des I Ging und den gilt es zu verstehen, um die darauf aufbauenden Techniken in ihrer Essenz verinnerlichen zu können. Da es sich bei der Astrologie um eine weiterführende Spezialisierung des I Ging handelt, möchte ich zuerst mein Fundament weiter ausbauen und festigen. - Welchen Marktwert hat Feng Shui in der Schweiz, welchen in Deutschland?
- Ich denke in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir eine ähnliche Dynamik. Am Feng Shui-Kongress 2008 in der Schweiz hatte ich dazu aufgefordert, kritischer mit den diversen unterschiedlichen Techniken umzugehen und ihren energetischen Ursprung genauer zu untersuchen. Bereits damals war für mich spürbar, dass sich der Feng Shui-Markt im Umbruch befand und nach einer Anpassung verlangte. Der klassische Feng Shui-Ansatz hatte etwas versprochen, das nicht gehalten werden konnte: Erfolg, Gesundheit und Glück sollten durch rein äusserliche Massnahmen herbeigeführt werden. So fühlen sich heute viele Kunden verunsichert und schauen sich nach neuen Möglichkeiten um. Hätte Feng Shui den angepriesenen Erfolg herbeigeführt, würden sich wohl die meisten Unternehmen und Menschen dieser Technik bedienen und die Ausbildungen zum Feng Shui Spezialisten hätten wachsenden Zulauf. Der Markt wurde über einige Jahre stark «aufgeblasen», doch wenn ein substanzieller Mangel vorliegt, droht die Feng Shui-Blase zu platzen. - Die Liste deiner Beratungsreferenzen ist lang. An welchen Erfolg erinnerst du dich gern?
- Ein grosses Unternehmen mit ca. 40 Filialen bat mich, die einzelnen Filialen zu analysieren und Veränderungen vorzuschlagen, da diese rückläufige Umsätze verzeichneten. Kurz nach Beginn der Beratungen erkannte ich, dass der Umstatzrückgang nicht durch die einzelnen Filialen verursacht wurde, sondern vom Geist der im Unternehmen herrschte. Dieser wurde primär durch den Inhaber an der «Spitze der Pyramide» geprägt. Folglich zog ich mich von der Beratung der einzelnen Geschäfte zurück und begann mit dem Inhaber zu arbeiten. Dieser tat sich jedoch schwer, sich als Ursache zu sehen und zog es vor, mit aufwändigen Werbeaktionen und ausgeklügelten Marketingstrategien zu agieren. Erst als die Verluste trotz finanzieller Gegenmassnahmen weiter stiegen, liess er sich auf den Weg der Selbstreflektion ein. Dieser Prozess nahm einige Zeit in Anspruch, doch unmittelbar nach der erfolgreichen Transformation seines inneren Verhinderungsmuster, veränderte sich die finanzielle Situation innerhalb der Firma zum Positiven. Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass äussere Massnahmen oftmals nicht ausreichen und erst die inneren, geistigen Prozesse einen tiefgreifenden Wandel bewirken können. - Auch Ausbildung steht auf deinem Programm. Was ist dir das Wichtigste, dass du deinen Schülern mit auf den Weg gibst?
- Feng Shui ist eine wunderbare Technik, um sich selber im Umfeld zu reflektieren. Lernprozesse können so lokalisiert und thematisiert werden, um zu verstehen, wo der nächste Lebensschritt hingeht und wo es gilt, Eigenverantwortung wahrzunehmen. Feng Shui befreit jedoch nicht von den Lernprozessen des Lebens. Es kann nicht sein, dass eine Technik uns die Verantwortung für das Leben abnimmt und uns durch Wertungen wie «gut» oder «schlecht» manipuliert. Es ist auch nicht möglich, eine einmalige Lebensanierung durch Feng Shui-Massnahmen vorzunehmen, aber es ist sehr wohl möglich, damit den nächsten Schritt im Leben bestmöglich zu unterstützen. Schlussendlich kann der Mensch seinen Weg nur selber gehen und – wenn er sich das auch noch so sehnlichst wünscht – Feng Shui wird ihm diesen nicht abnehmen, ihn jedoch Schritt für Schritt zur Seite stehen. - Der westliche Lo Pan, Astrozubehör sowie ein PC-Programm für die Astrologie gehören zu Produkten, die du auf dem Markt hast. Was treibt dich zur Entwicklung an?
- Ich will den Dingen auf den Grund gehen. Ich will verstehen, woher die Technik kommt, worauf sie basiert und wieso sie funktioniert oder eben nicht funktioniert. Ich will wissen, warum in diesem Jahr ein Hasen-Jahr ist und nicht einfach die Berechnung dazu verstehen, sondern die energetische Herleitung der Berechnung ergründen. Bei vielen Techniken wurden einfach Erklärungen hinein interpretiert und nicht die Herleitung, die energetische Grundlage rekonstruiert. Alles, was in eine materielle Form gebracht wird, entwickelt sich zyklisch und befindet sich im Wandel. Das traditionelle Feng Shui konnte hier im Westen nie vollständig Fuss fassen, da wir uns in einer anderen Zeit, in einem anderen Bewusstsein und in einem anderen Kulturraum befinden. Der universelle Grundgedanke und die energetische Herleitung des Feng Shui kann übernommen werden, doch der Inhalt und der Umgang verlangen eine Anpassung. Viele Menschen erhoffen sich beispielsweise Erfolg und ein besseres Leben durch Feng Shui. Doch die Sichtweise, was Erfolg ist, dürfte sich seit den Ursprüngen des Feng Shui stark verändert haben und kann – trotz Globalisierung – kulturell Unterschiede aufweisen. - Was aus der Feng Shui Lehre sollte hier im Westen weggelassen und was unbedingt eingebracht werden?
- In Europa wird immer wieder vergessen, dass die Feng Shui-Lehre in Asien seit mehreren Jahrtausenden verankert ist. Dadurch geniesst die Technik bei der asiatische Bevölkerung einen massiv höheren Stellenwert als bei den Europäern. Dazu kommt, dass der Asiate Autoritäten grossen Respekt entgegen bringt, deren Direktiven eher annimmt und mit einer höheren Wertschätzung umsetzt als der Europäer. So kann ein autoritärer, charismatischer Feng Shui-Berater bzw. «Master», das «kritiklose» Bewusstsein stark beeinflussen, was kurzfristig positive Veränderungen herbeiführt. Da diese Wirkung jedoch nach einiger Zeit wieder abflacht – was wir z.B. auch aus den Motivations-Seminaren kennen – werden die Berater regelmässig konsultiert. In Europa jedoch beträgt die Wertschätzung gegenüber dem Beratenden oftmals nur einen Bruchteil und Beratungen sind in den meisten Fällen einmalig. So kann keine nachhaltige Veränderung herbeigeführt werden. Darum bin ich der Meinung, dass bei uns nur ein völlig anderer Ansatz langfristig Bestand haben kann. Traditionell wird im asiatischen Raum von Aussen nach Innen gearbeitet, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Ich bin überzeugt, hier in Europa funktioniert es genau umgekehrt: von Innen nach Aussen. Der Mensch mit seinen inneren Überzeugungen erschafft sich seine Realität, das Haus und die Umgebung ist ein Ausdruck davon. Die Ursache liegt daher immer im Menschen und nicht im Haus. - Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Feng Shui Berater aus?
- Das «Meister-Gehabe» mit seinen geheimnisvollen Techniken gilt es durch fundiertes, energetisch erklärbares Hintergrundwissen zu ersetzen. Zudem bildet die konsequente Eigenreflektion und Transformation der eigenen Verstrickungen die Voraussetzung, seine Kundinnen und Kunden bei ihrem nächsten Lebensschritt begleiten und unterstützen zu können. Ein Beratender kann seine Kundschaft nur so weit begleiten, wie er selbst bereits gegangen ist. - Was ist als Berater heute möglichst zu vermeiden?
- Den Kundinnen und Kunden zu versprechen, dass sich ihr Leben durch Feng Shui ohne ihr eigenes Zutun nachhaltig verbessert und stabilisiert. Zudem sollte der Glaube vermieden werden, dass jede Situation mit Feng Shui einfach korrigiert werden kann. Auch auf die Verunsicherung und Verängstigung der Kundschaft durch Wertungen wie «gut» und «schlecht» sollte definitiv verzichtet werden, da in jeder Situation die Chance zur Veränderung und Verbesserung liegt! Worin besteht also der Sinn, wenn sich ein Kunde nach der Beratung schlechter und nicht besser fühlt? Auch wenn ich Transparenz für notwendig erachte, bringt es nichts, die Kundschaft mit Erklärungen zu den Techniken zu überhäufen, die sie nicht verstehen kann. Zudem verbessert es den Ruf unserer Branche nicht unbedingt, wenn man sich bei Architekten und Bauherren mit absurden Lösungen anhand von «mysteriösen Berechnungen» lächerlich macht. Wir sollten nicht vergessen, dass die westliche Welt die letzten hundert Jahre ganz gut ohne Feng Shui ausgekommen ist. - Ergänze
- Feng Shui basiert auf Gesetzmässigkeiten und erweitert die Sichtweise von energetischen Zusammenhängen, ersetzt aber nicht den Architekten, den Statiker, den Landschaftsgärtner, den Städteplaner, den Farbgestalter und den Innenarchitekten! - Zum Abschluss eine Frage, die mit einem Augenzwinkern gestellt wird und eher experimentell zu verstehen ist:
Stell dir vor, du stehst vor einer der größten Entscheidungen in deinem Leben (such dir was aus, noch ne Ausbildung, Partner, Ortswechsel usw.), welches Werkzeug/Methode des Feng Shui/ Geomantie oder anderen Wissenschaften und Erkenntnissen würdest du benutzen, um dich zu orientieren?
- Ich würde mir zuerst über mein Gefühl und meine Intuition ein Bild verschaffen, danach das I-Ging, die Astrologie und weitere Techniken konsultieren und die Ergebnisse mit meinem Gefühl abgleichen.
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